Kulturelle Aneignung, Gleichheit & Menschlichkeit im Luftzeitalter

Ich habe am Donnerstag einen Post auf Instagram veröffentlicht, der so oft geliked und geteilt wurde, dass er gegen Freitag Nachmittag meine Bubble verlassen hat. Seitdem werde ich im großen Stil gemansplained und komme aus dem Blocken nicht mehr raus.

Das hier soll kein klassischer Artikel über “Kulturelle Aneignung” werden. Aber da wir uns aus astrologischer Sicht ja mitten in einem Epochenwandel befinden und die Werte der nächsten 200 Jahre sehr viel stärker auf “Freiheit, Gleichheit und Menschlichkeit” basieren werden, sollten wir uns vielleicht mal anschauen, wie wir da hinkommen.

Denn der Status Quo hat damit noch nicht wirklich viel zu tun. Robert Habeck hat ihn am Donnerstag Abend bei Lanz sehr treffend folgendermaßen zusammengefasst:

Der Glaube, dass wir in Deutschland immer alles richtig machen […] wenn wir unser Hack aufs Mettbrötchen draufschmieren, immer sind wir auf der Seite der Guten. Das können nur Leute glauben, die noch nie im Schweinestall waren […] Wir ziehen mit unserem täglichen Leben eine Spur der Verwüstung durch die Erde und wir kümmern uns da noch nicht drum. Wenn wir ehrlich sind, müssten wir uns mal dann auch zumuten, was immer wir tun, hat Konsequenzen. Wir sind keine Engel, aber wir können versuchen, Schritt für Schritt die Konsequenzen ein bisschen weniger schlimm zu machen.

Die hitzigen Diskussionen, die uns beim Thema “Kulturelle Aneignung” entgegenschlagen, sind ebenso übertragbar auf Klimaaktivismus, Veganismus und alle Bewegungen, die aktiv etwas verändern wollen. Daher passt das Habeck Zitat meiner Meinung nach hier auch ganz gut rein.

Ich beobachte immer wieder, dass privilegierte Menschen eine “Bis hier her und nicht weiter-Haltung” an den Tag legen, wenn es ans Eingemachte geht. Ich hab’ beispielsweise mit 12 Jahren aufgehört Fleisch zu essen und mein direktes Umfeld hat bis vor wenigen Jahren noch jeden Diskurs mit “Wir essen ja nicht so viel Fleisch” im Keim erstickt und entsprechend abgewiegelt. Und genau das Gleiche passiert auch in diesen ganzen anderen wilden Debatten, die in Zeiten des Umbruchs geführt werden wollen.

Nein, Manfred. Nur weil Du zwei Schwarze Menschen kennst, die kein Problem mit dem N-Wort haben, geht das ganz sicher nicht klar, es einfach zu benutzen. 

Nein Annette. Nur weil Du zwei Wochen auf Bali eine Drölfzigtausend Stunden Ausbildung zum “Certified Yoga Healing Teacher” besucht hast, geht es nicht klar, wenn Du Dein Yogastudio jetzt einrichtest wie einen Ashram in Rishikesh und im Sari Sanskrit Mantren chantest.

Nein, Nina. Nur weil Du Kakao super findest, ist es keineswegs unproblematisch, jetzt in Wuppertal schamanische Reisen anzubieten, in denen Du weißen Salbei räucherst, “Mama Cacao” ausschenkst und die Besucher*innen zum Abschied mit Agua de Florida bespuckst.

Ich könnte jetzt noch eine ganze Weile so weitermachen. Aber darum geht es nicht. Es geht nicht ums Austeilen, sondern viel mehr darum, sich mit der eigenen Scham auseinander zu setzen. Vom Schamanismus zur Scham sozusagen. Ich möchte das an dieser Stelle sehr gerne einmal öffentlich tun, damit klar wird, dass das ein ganz normaler Prozess ist, mit dem wir während dieser Umbruchzeit alle konfrontiert sind.

Der Holiday Park in Haßloch

Wer (wie ich) im Südwesten aufgewachsen ist, wird vermutlich schon bei “Holiday Park in Haßloch” zusammengezuckt sein, oder? Denn Achtung, jetzt folgt harter Tobak. Als ich klein war (in den 80ern) waren Freizeitparks in Westdeutschland äußerst angesagt. Und im Holiday Park in Hassloch gab es neben einem Delfinarium und Fahrgeschäften auch ganz selbstverständlich das “Liliput Dorf”. Ja, ihr habt richtig gelesen. Das waren Miniaturhäuschen, in denen Kleinwüchsige Menschen lebten und durch die man von außen reingaffen konnte. Ich erinnere mich noch, wie faszinierend ich das als Kind fand, weil die ja erwachsen waren, aber trotzdem nicht größer als ich. Und alleine, das hier heute aufzuschreiben und mit euch zu teilen, löst unendlich viel Scham in mir aus. Weil mittlerweile mehr als 30 Jahre vergangen sind und dieses Szenario 2022 undenkbar ist. Diese Scham will aber gefühlt werden. Das war unfassbar scheiße für diese Menschen damals (wie der verlinkte Artikel ja belegt), aber erst das Erkennen und Benennen der Scham und der daraus resultierende Diskurs öffnet dem Wandel die Tür. Verkapseln, Negieren und Abwiegeln hingegen sind kontraproduktiv.

Gendern mit Doppelpunkt

Auch das ist mir jetzt sehr unangenehm, aber ich war ernsthaft genervt, als es vor einer Weile hieß, dass jetzt doch wieder mit Sternchen statt mit Doppelpunkt gegendert werden soll, weil das Sternchen inklusiver ist als der Doppelpunkt. Ich ertappte mich bei einem genervten Stöhnen und Gedanken wie “Jetzt hatte ich mich doch gerade an den Doppelpunkt gewöhnt”. Das war der Moment, in dem ich realisierte, dass über über 40 bin und dass mein Geist wohl viel weniger beweglich ist, als ich immer dachte. Mittlerweile gendere ich wieder mit Sternchen und hab’ mich umgewöhnt. Aber ich schäme mich dafür, dass ich als heterosexuelle Cis-Frau davon genervt war, “weil eine Minderheit sich von dem Doppelpunkt nicht repräsentiert fühlt”. Höchstwahrscheinlich wohnt in jedem und jeder von uns ein mehr oder weniger präsenter alter, weißer Mann.

Ayurveda, Lomi Lomi und Balinesische Massagen

Ich habe das alles gelernt und auch mit einer crazy Selbstverständlichkeit so viele Jahre lang ausgeübt, dass ich mich heute sehr dafür schäme. Durch I LOVE SPA war ich damals in sehr vielen Wellnesshotels unterwegs, deren Spa Menüs “Das Beste aus aller Welt” hießen. Da buchst Du “Indien” und wirst in einen “indisch geschmückten” Raum geführt und einfach nur mit einem ranzigen Sesamöl eingerieben. Lomi roch immer nach Tiaré.

“Wollen Sie eine klassische Massage oder eine exotische Massage?” Mittlerweile finde ich das ziemlich problematisch und es löst große Scham in mir aus. Wenn ich keinen Bock hätte, mich mit dieser Scham auseinander zu setzen, könnte ich dagegenhalten, indem ich einfach sage “Aber ich habe die Balinesische Massage schließlich in einem 1:1 Training auf Bali direkt von einer Balinesin gelernt!” Solche Abwehrstrategien werden in diesen Debatten unentwegt abgefeuert. Und sie sind alles andere als konstruktiv.

Selbst geknüpfte Malas

Es ist gerade mal zwei Jahre her, dass ich noch selbst geknüpfte “Cosmic Malas” verkauft habe, wie ihr sie im Titelbild seht. Ich hatte die Steine auf das jeweils individuelle Horoskop abgestimmt und frage mich heute, warum zur Hölle ich nicht einfach Ketten geknüpft, sondern mich an einer buddhistischen bzw. hinduistischen Gebetskette bedient habe. Und ja, große Scham, weil es noch nicht wirklich lange her ist.

Räuchern mit “Smudge Sticks”

Okay, ein letztes Beispiel noch. Ich habe mich in den vergangenen Jahren sehr intensiv mit dem Thema Räuchern auseinander gesetzt und mich dadurch irgendwann gefragt, warum wir hier mit weißem Salbei und Palo Santo räuchern und nicht den Beifuß nehmen, der an jeder Ecke wächst. Mittlerweile baue ich auf meinem Balkon und meinen Fensterbrettern viel Räucherwerk selbst an, das ich dann zu Bündeln wickle. Dabei war mir anfangs allerdings nicht klar, dass der Begriff “Smudge Stick” eine kulturelle Aneignung ist. Seitdem schreibe ich nur noch “Räucherbündel”, aber ich habe mich sehr geschämt, als ich per Email darauf hingewiesen wurde.

Worauf ich mit alledem hinaus will: Es ist kein persönliches Versagen, wenn in Zeiten des Wandels verstärkt Strukturen in unser Bewusstsein geraten, die “früher” vollkommen normal waren. Ich war sehr oft im Holiday Park. Es gilt jetzt allerdings, sie nicht wegzudrücken, sondern uns bewusst damit auseinander zu setzen.

Wenn uns also jemand in einem Diskurs auf etwas hinweist, was augenblicklich Scham in uns auslöst, gehen wir vermutlich erstmal in eine Art Verteidigungsmodus und schmettern das Gesagte ab. Hier könnte es helfen, wenn wir anstelle von Abwiegelungen sowas sagen wie: “Darüber muss ich mal in Ruhe nachdenken. Das ist ja sehr komplex”.

Ich bin selbst sehr privilegiert als heterosexuelle Cis-Frau mit weißer Haut und deutschem Pass. Die einzige Diskriminierung, der ich selbst immer wieder ausgesetzt bin, ist Sexismus. Ich arbeite mich da auch richtig dran ab und würde mal behaupten, dass das definitiv reicht, aber ich will mir nicht vorstellen, was ich mit einer Transidentität oder schwarzer Haut on top noch erleben würde.

Ich verstehe, dass es als weißer, heterosexueller Cis-Mann sehr tricky ist, sich in die Rolle der Menschen hinein zu versetzen, die tagtäglich Diskriminierung erfahren. Einfach, weil man als weißer, heterosexueller Cis-Mann maximal privilegiert ist. Und ich möchte wetten, dass alleine die letzten beiden Sätze zu Whataboutismen wie “Aber es gibt auch Rassismus gegen Weiße” oder”Aber es gibt auch Sexismus gegen Männer” führen werden. Und genau in diesem Moment dürfen wir uns diese Abwehrreaktion vor Augen führen und uns anschauen, was genau uns gerade beschämt.

Denn wenn wir in einer Welt ankommen wollen, in der Gleichheit zu den Grundwerten gehört, dann bringen uns diese ganzen Abwehrmechanismen einfach keinen Millimeter weiter. Wenn zwei Schwarze Menschen von hundert sich durch die Dreads weißer Menschen diskriminiert fühlen, dann haben wir das verdammte Scheiße sein zu lassen!

Es geht darum, zu lernen, dass wir uns als weiße Mehrheitsgesellschaft nicht alles nehmen und einverleiben können, was wir haben wollen. Das ist ein wichtiges Learning, wenn wir das mit der Gleichheit wirklich ernst meinen. 

Jenny