Über den Umgang mit spirituellen Dienstleistungen im Jahr 2021

Der heutige Artikel fällt mir nicht leicht. Je mehr ich über das Thema nachdenke, umso trauriger und betroffener macht es mich. Denn ich habe in den vergangenen 1,5 Jahren sehr viele Menschen aus meinem Leben verabschiedet.

Aber von Anfang an: Vor nunmehr 20 Jahren habe ich mein physiotherapeutisches Staatsexamen abgelegt. Denn für mich war immer klar: Nichts anderes will ich machen. Nach einem kurzen Abstecher in die Pädiatrie landete ich in der Sportorthopädie, was mir auch riesig Spaß machte. Motivierte Patient*innen, schnelle Erfolge und all’ sowas eben. Aber schon nach wenigen Jahren störte ich mich daran, dass der Fokus in unserem Gesundheitssystem fast ausnahmslos auf das Symptom gerichtet ist. Zum einen hat es Kostengründe, dass sich viel zu selten mit der Ursache beschäftigt wird. Zum anderen sind wir aber medizinisch in einer Zeit unterwegs, in der es eher verpönt ist, eine Korrelation zwischen Seele und Körper in Betracht zu ziehen. Und so frustrierte es mich zunehmend, unter Zeitdruck am Symptom herum zu therapieren, ohne den gesamten Menschen in meine Behandlung mit einzubeziehen.

Dadurch driftete ich langsam ab in die Spa Branche, wo ich deutlich mehr Zeit für jeden einzelnen Menschen hatte und wo der physische Körper weniger strikt vom Rest des Menschen abgegrenzt wurde. Damit kam ich zehn Jahre lang ganz gut zurecht. In der Spa & Wellnessindustrie sah ich mich allerdings mit vielen Menschen konfrontiert, die den Fokus ausschließlich auf den seelischen, den feinstofflichen Anteil richteten. Was dazu führte, dass ich mich in meiner Art zu arbeiten auch hier nicht zugehörig fühlte.

Wer sowohl die moderne Medizin, als auch einen ganzheitlichen Ansatz zu schätzen weiss, passt in keine Schublade. Die Pandemie hat dieses Dilemma noch verschärft. Mittlerweile stehen sich beide Lager gegenüber und keifen sich an. Die “Jünger der Pharmalobby” auf der einen und die “Eso-Spinner” auf der anderen Seite.

Und ich? Ich schwebe nach wie vor in einem luftleeren Raum irgendwo dazwischen.

Ich bin selbstredend geimpft. Denn ich bin kein Lichtwesen und mein physischer Körper ist nicht unbesiegbar. Er gerät dann und wann an seine Grenzen. Immer wenn das passiert, bin ich froh, wenn ein Zahnarzt zur Stelle ist und mir eine Wurzelkanalbehandlung anbietet oder wenn es einen verfügbaren Impfstoff gibt, der meinem Immunsystem erklärt, was zu tun ist. Ich habe während meiner Ausbildung Operationen beigewohnt, bei denen es zuging wie in einer Werkstatt. Wer sich mal angeschaut hat, wie ein Hüftgelenk ersetzt wird, wird sich zweifelsohne vor unserer handfesten, modernen Medizin verneigen. In meiner Welt macht es also überhaupt keinen Sinn, sich vor dem Fortschritt zu sperren. Und damit meine ich die gesamte Palette an Fortschritt, angefangen bei der Geburtshilfe bis hin zur Impfstoffentwicklung.

Nun bin ich aber nicht nur Physiotherapeutin, sondern auch Klangtherapeutin, Reiki Meisterin und – als wäre das alles nicht schon hart genug – arbeite ich on top auch noch mit der Astrologie. Das hat zur Folge, dass mich Menschen, mit denen ich bei Twitter auf einer Wellenlänge bin, in die Querdenken Schublade packen, während mich Menschen bei Instagram, die sich für meine spirituellen Dienstleistungen interessieren, umgehend deabonnieren, weil ich geimpft bin.

95% meiner zwischenmenschlichen Verbindungen aus dem Jahr 2019 haben sich mittlerweile so sehr in Fake News und Verschwörungsgeschichten verheddert, dass sie für einen sachlichen Diskurs nicht mehr zur Verfügung stehen. Diese Menschen reproduzieren nicht nur menschenverachtendes Gedankengut, sondern gefährden durch ihre Radikalisierung auch die Grundfeste unserer Demokratie.

Falls ihr bis hierhin gelesen habt und nun erwartet, dass ich euch hier einen Lösungsansatz für diese beschissene Situation präsentiere, muss ich euch enttäuschen.

Nichts desto trotz bin ich davon überzeugt, dass der Bedarf an spirituellen Dienstleistungen gerade stärker denn je ist. In einer Zeit des Umbruchs, in der die alte Ordnung aufbricht und das Chaos übernimmt, profitieren die Menschen mehr denn je von Entspannungstechniken. Nach so vielen Monaten des Social Distancings ist Berührung angesagter denn je.

Ich kann zu 100% verstehen, wenn viele nun erstmal skeptisch sind und sich von solchen Angeboten ganz grundlegend distanzieren. Aber bitte vergesst nicht, dass es zwischen all’ den schwarzen Schafen und Querdenkern auch noch Menschen gibt, die eine Brücke zwischen beiden Welten bauen.

Ich halte mich keineswegs für erleuchtet, bin mir aber dennoch darüber im Klaren, dass ein Sound Bath mehr berührt als wir uns wissenschaftlich zum aktuellen Zeitpunkt erklären können. Klang zeigt uns auf beeindruckende Weise, dass wir mehr sind als dieser physische Körper, in dem wir durch dieses Leben taumeln. Und es ist nicht zwingend notwendig, das zu verstehen. Dann und wann ist es auch mal vollkommen okay, etwas einfach nur zu fühlen.

Ich habe vor vielen Jahren eine WDR Talkshow gesehen, in der ein Wissenschaftler in der Runde mich sehr beeindruckte. Er sagte nämlich, dass er Wissenschaftler geworden ist, um Dinge zu beweisen, die sich aktuell noch nicht beweisen lassen und nicht, um sich überheblich über alle Annahmen zu stellen, die zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht wissenschaftlich bewiesen sind.

Ich verstehe, dass es sowas wie ein Überlebensmechanismus während dieser Pandemie ist, Menschen in Schubladen zu packen, um besser klar zu kommen. Ich mache das selbst auch. Und dennoch könnte uns gesamtgesellschaftlich ein bisschen weniger Überheblichkeit auf beiden Seiten nicht schaden.

Errungenschaften der modernen Medizin anzuerkennen und offen zu sein für alternative Techniken schliesst sich per se nicht gegenseitig aus. Diese Offenheit darf nur nicht dazu führen, dass Menschen Schaden erleiden – sei es durch Scharlatanerie einzelner oder das unsolidarische Verhalten vieler.

Jenny


Titelbild © Grit Siwonia