Unfuck the Government – ein Pandemie Update

Long time no Pandemie Update. Unfuck the Government? Ernsthaft? Ja, denn jeder andere Titel würde sich zu weichgespült anfühlen.

Wie geht es euch? Seid ihr “mütend”? Ich für meinen Teil bin sehr erschöpft. Daher gab’ es auch lange kein Schlafschaf Statement mehr. Ich frage mich, ob ich wohl die einzige war, die Christian Drosten letztes Jahr für vollkommen durchgeknallt hielt, als er in seinem Podcast mutmaßte, dass es auf Durchseuchung hinauslaufen würde, sobald die vulnerablen Gruppen geimpft sind. Ganz ehrlich? Ich hätte es damals nicht für möglich gehalten, was sich derzeit hierzulande ereignet.

Die Pandemie hat auch in meinem Leben Brandrodung betrieben. Angefangen von meiner beruflichen Existenz bis hin zu persönlichen Verlusten. Und dennoch erschliesst sich mir, wie ein Virus sich verbreitet, wie es mutiert und dass es bei alledem auf uns Menschen als Wirt angewiesen ist. Vielleicht ist es meine medizinische Grundausbildung, vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich auf Twitter vielen Wissenschaftler:innen folge – Fakt ist, die Lage ist nicht wirklich komplex oder kompliziert. Daher gibt es ja auch Länder auf diesem Planeten, in denen wieder ein halbwegs normales Leben möglich ist. (Und zwar ganz ohne Impfstoff-Nationalismus.)

Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen scheint ebenfalls kapiert zu haben, dass wir es hier nicht mit einer allzu komplexen Thematik zu tun haben. Denn die Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen spricht sich keineswegs für Lockerungen mitten in der dritten Welle aus. Was diese Mehrheit sich wirklich wünscht, ist aber vermutlich kein auf unbestimmte Zeit andauernder Fake Lockdown zugunsten der Konzerne. Sondern ein kurzer, harter, konsequenter und flächendeckender Lockdown.

Ich möchte mich in diesem Artikel nicht gegen den Föderalismus aussprechen, auch wenn ich diesen Wischiwaschi-Zirkus unserer Ministerpräsident:innen kaum noch ertragen kann. Nichts desto trotz sind wir uns vermutlich alle einig, dass uns als Weltbevölkerung der Föderalismus der USA in den vergangenen vier Jahren den Arsch gerettet hat. Das wiederhole ich zumindest nach jeder MPK gebetsmühlenartig vor meinem Spiegelbild, um nicht durchzudrehen.

Ich lebe in Berlin, und zwar im Prenzlauer Berg. Der zählt zu Pankow. Wir hatten hier in Pankow eine 7-Tages Inzidenz von unter 40, als Anfang März die Lockerungen beschlossen wurden. Von da an konnte man dem Wert jeden Tag beim Klettern zuschauen. Nun, da ich diesen Artikel schreibe, liegen wir bei 116. Wobei am Wochenende ja nicht alle Gesundheitsämter Zahlen melden. (Wochenende ist christdemokratisch ja streng genommen Ruhetag. Auch für die Faxgeräte der Republik.) Also liegen wir vermutlich drüber. Und die vereinbarte Notbremse wurde beim Überschreiten der 100er Inzidenz von Michael Müller, dem regierenden Bürgermeister Berlins, mit den folgenden Worten abgelehnt:

“Ich glaube, dass es kein gangbarer Weg ist, jetzt wieder alles zurückzudrehen, was wir uns in den letzten Tagen und Wochen an Möglichkeiten und Freiheiten erkämpft haben”

Während die Zahlen also Tag für Tag weiter steigen und niemand etwas dagegen tut, ist die Pandemie auch in meinem Inner Circle angekommen. Trotz FFP2-Maske und penibler Einhaltung aller Maßnahmen. Und ich frage mich: Ist das nun die Durchseuchung, von der Christian Drosten letztes Jahr im Podcast sprach? Lassen unsere Politiker:innen das alles jetzt einfach so lange laufen bis die Kapazitäten der Intensivstationen erneut an ihre Grenzen geraten? Eine bestimmte Anzahl toter Menschen pro Tag scheint stillschweigender Konsens zu sein.

“Wenn 500 Tote 40jährige halb so schlimm sind wie 1.000 Gestorbene 80jährige, dann können wir uns eine Inzidenz von Ü500 leisten. (Chan-jo Jun)”

Dass das Personal in den Kliniken nach 12 Monaten vollkommen am Ende ist? Egal. Wirtschaft und Großkonzerne first! Einzelschicksale second.

Alle Wissenschaftler:innen warnen seit Wochen und Monaten vor genau dieser Kurve, die nun Tag für Tag weiter ansteigt. Die Projektionen der Modellierer treffen deutlich präziser ein als der ICE von Hamburg nach Berlin. Und die Verantwortlichen?

“Wir alle hatten die Hoffnung aus der Erfahrung des letzten Jahres, dass wenn der Frühling kommt es wärmer wird, die Virusansteckungen zurückgehen und die Zahlen sinken und wir erleben im Moment genau das Gegenteil. Das ist nervig.” (Armin Laschet, Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen)

“Gott hat uns bislang gut beschützt. Ich bitte ihn auch weiterhin um den Schutz für unser Land.” (Markus Söder, Ministerpräsident Bayern)

Ist das die deutsche Strategie? Hoffen und Beten? Vermutlich sind wir nun an dem Punkt angekommen, an dem jede:r versuchen sollte, seinen/ihren eigenen Arsch zu retten.

Wer wissenschaftliche Prognosen verfolgt, erahnt bereits die Apokalypse am Horizont. Lieber gar nicht erst darüber nachdenken, dass die bisher immer Recht hatten…

Im Prinzip wäre ja klar, was zu tun ist. Wir haben es in Portugal gesehen (KEINE INSEL BTW), in Großbritannien und auch in Irland. Aber während hierzulande bräsige Christdemokraten die Pandemie mit Hoffen und Beten zu bekämpfen versuchen, bleibt mir an dieser Stelle wohl nur noch, euch zu wünschen, dass ihr und eure Lieben da allesamt lebendig und ohne gesundheitliche Folgeschäden durchkommt.

Ich hoffe inständig, dass die bislang bekannten Korruptionsfälle nur die Spitze des Eisbergs sind und dass bis zur Bundestagswahl im September Woche für Woche mehr davon hochblubbert. Denn wir alle haben so viel mehr Macht, als wir gerade glauben. Auch wenn die aktuelle Situation für ordentlich Ohnmacht sorgen dürfte. Wenn ihr euch gerade genauso erschöpft und ohnmächtig fühlt wie ich: Ihr seid nicht alleine!

Aber genau dieser Gefühlscocktail ist Gift für unsere Demokratie. Denn er öffnet dem Extremismus Tür und Tor. Und genau darum ist es keine Option, im Herbst nicht zur Wahl zu gehen. (An dieser Stelle nur nochmal zur Sicherheit: Die AfD ist keine Alternative!)

Genau wie im Kleinen zeigt sich nun auch im Großen, was Sache ist. Wir reden über Ausgangssperren für Bürger:innen, während es für Unternehmen nach wie vor weder eine Home Office Pflicht, geschweige denn eine Pflicht zum Testen gibt. Während man den Konzernen den Arsch pudert, werden die Daumenschrauben bei den Bürger:innen so hart angezogen, dass uns mit den Ausgangssperren nun der Endgegner bevorsteht. Wenn selbst mir mein Schütze Optimismus ausgeht, dann heisst das schon was. Hier sein letztes Aufbäumen: Auch wenn es sich jetzt gerade sehr ausweglos anfühlt und auch wenn uns bereits die Kraft ausgegangen ist – im Herbst haben wir die Möglichkeit, etwas zu verändern!

Große gesellschaftliche Veränderungen erfordern harte Brüche. Und wir befinden uns gerade mittendrin.

Passt auf euch auf.

Jenny