Lasst uns heute mal über Kunst und Veranstaltungen reden.

Liebe Leute, da ist er nun, der zweite Lockdown. Der perfekte Zeitpunkt, um mich mal zu einem Thema zu äußern, das mir seit Wochen unter den Nägeln brennt.

Ich bin mir sicher, die meisten von euch haben Till Brönners Insta Story gesehen und einige von euch haben sie vermutlich auch geteilt. Er hat sehr präzise zum Ausdruck gebracht, was viele Menschen seit Monaten fühlen. Mich eingeschlossen.

Viele werden seinen Worten gelauscht und dabei ein romantisiertes Bild eines/einer Musiker*in auf der Bühne vor dem inneren Auge gehabt haben, während sie in Gedanken zustimmend nickten. Ich bin so frei, den gesellschaftlichen Blick auf das Thema “Kunst & Veranstaltungen” heute mal etwas zu weiten, denn ich selbst falle ebenfalls in diese Kategorie. Hättet ihr nicht gedacht, oder? Eben.

Ich erstelle (primär schriftliche) Inhalte, die dem Entertainment dienen, stand vor Corona dann und wann auch auf einer Bühne, weil ich als Referentin zu einem ganz bestimmten Thema gebucht wurde, habe in den vergangenen Monaten ein Kartendeck illustriert und ein Booklet dazu verfasst. Gelegentlich werden meine Texte auch von Print Formaten eingekauft und last but not least sorge ich jeden Montag Abend im Rahmen einer Veranstaltung mit Klängen für Entspannung. Aus diesem Grund bin ich auch über die Künstlersozialkasse krankenversichert.

Pisst es mich an, dass unsere Regierung einer Airline mehr Wichtigkeit beimisst als Solo Selbständigen wie mir? Und ob. Macht es mich wütend, dass Gottesdienste mit hunderten Menschen erlaubt sind, ein Sound Bath mit vier Teilnehmer*innen aber nicht? Ohja, das tut es.

Aber heute möchte ich euch mal zwei Punkte aufzeigen, die mich noch viel wütender machen.

1. Unser Umgang mit gecancelten Veranstaltungen

Als wir unsere tiefenentspannte, wöchentliche stattfindende Veranstaltung an den Start gebracht haben, mussten wir sehr viel Energie reinstecken, bis sie zum Selbstläufer wurde. Vor Corona sah es so aus, dass wir vier Wochen im Voraus ausgebucht waren und im Mai und Juni eine bereits zu knapp 90% ausgebuchte Sound Bath Tour quer durch Deutschland spielen wollten.

Was die Tour angeht, hatten wir 300€ in Marketingmaterial wie Flyer und Poster investiert, die wir den jeweiligen Hosts zur Verfügung stellten. Wie viele Stunden Matthias am Computer saß, der sich zusammen mit seinem Steinbock Aszendenten um die ganze finanzielle Abwicklung der einzelnen Buchungen samt Schriftverkehr kümmert, möchte ich an dieser Stelle lieber gar nicht erst aufaddieren.

Dann kam der Lockdown im März. Die wöchentliche Veranstaltung hier in Berlin brach also sofort zu 100% weg und nach kurzer Zeit entschieden wir uns auch dazu, die Tour auf Sommer 2021 zu verschieben.

Als Veranstalter ist man dazu verpflichtet, den Teilnehmer*innen anzubieten, den Ticketpreis zu erstatten. Wir hatten alternativ bei unseren Berlin Tickets auch vorgeschlagen, einen Sound Bath Gutschein auszustellen, der dann zu einem späteren Wunschtermin eingelöst werden kann. Für die Tour war unser Vorschlag, das Ticket auf den Ersatztermin zu übertragen. Aber ihr könnt euch ja nicht vorstellen, wie viele Leute auf die Rücküberweisung des Ticketpreises bestanden. Wir waren ernsthaft fassungslos.

Wir fangen also für 2021 (sofern die Lage dann stabil sein sollte, wer weiss das schon) fast wieder bei Null an, investieren erneut in Marketingmaterial und so weiter und so fort.

Im Sommer durften wir dann unter bestimmten Auflagen wieder öffnen. Wir möchten uns an dieser Stelle keineswegs beklagen, schliesslich haben wir das Hygienekonzept bis zum vergangenen Montag sehr straight durch- und umgesetzt. Das alles hatte aber auch zur Folge, dass wir aufgrund der Mindestabstände nur noch vier Tickets pro Sound Bath verkaufen konnten. Das macht zu zweit Brutto Einnahmen von 100€ für eine Stunde Live Event plus Vor- und Nachbereitung. Außerdem mussten wir Sterilium kaufen, Einwegmasken bereit halten (weil es immer mal wieder Teilnehmer*innen gibt, die keine Maske dabei haben), in Aroma-Kompressen investieren, um auch weiterhin die Duftkomponente mit anbieten zu können und Tea Bags, Sticker und Teebeutel wollen natürlich auch bezahlt werden. Das alles ging also von den 100€ brutto pro Veranstaltung nochmal ab.

Anfangs war es ziemlich anstrengend, die Veranstaltung wieder zu füllen. Nach etwa zwei Monaten war die Nachfrage aber wieder ungefähr vergleichbar mit “vor Corona”. Im Sommer haben wir außerdem in ein ordentliches Mikro investiert, um unser Sound Bath im Falle steigender Infektionszahlen auch digital über Zoom spielen zu können. Und weil nicht alle unsere Klänge digital sauber rüberkamen, hatten wir auch hier noch die ein oder andere Investition getätigt, um am Ende ein sauberes, 60-minütiges Sound Bath anbieten zu können, das unseren Anforderungen gerecht wird.

Nun kommt also der zweite Lockdown und wir können den Menschen, die Live Tickets gekauft haben, nicht nur Gutscheine anbieten, sondern on top auch noch vorschlagen, ihr Live Ticket in zwei digitale Tickets umzuwandeln. And guess what! Auch dieses Mal wollte der Großteil der Leute ihr Geld zurück.

Worauf ich hinaus möchte: Ja, wir strampeln ordentlich. Und weil wir lieben, was wir tun, machen wir einfach weiter. Auch wenn es weit entfernt ist von “wirtschaftlich”. Was mich aber noch mehr schmerzt als die Tatsache, dass die Politik uns nicht auf dem Schirm hat, ist das Verhalten vieler Teilnehmer*innen der Veranstaltungen, die nun wieder gecancelt werden müssen. Und damit sind wir (mit unserem Sound Bath) nicht alleine.

Wenn ihr Till Brönners Story geteilt habt, dürft ihr euch also auch selbst fragen, inwieweit ihr kleinen Veranstalter*innen und Solo Selbständigen durch euer ganz persönliches Handeln in den vergangenen Wochen und Monaten das Leben noch schwerer gemacht habt, als es gerade eh’ schon ist.

2. Veranstaltungen ohne Hygienekonzept

Ja, ich bin traurig, dass wir nach diesem zweiten Lockdown höchstwahrscheinlich ein drittes Mal bei Null anfangen werden. Aber ich sehe natürlich auch, dass dieser Circuit Breaker dringend notwendig ist, um noch Schlimmeres zu verhindern.

Hinzu kommt, dass wir uns natürlich auch alle fragen dürfen, wie wir an diesem Punkt gelandet sind. Daher möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass es gerade in der spirituellen Szene (in der das Thema “Klang” ja beispielsweise auch verortet wird) reihenweise Veranstaltungen gab, bei denen es mit der Maskenpflicht nicht so genau genommen wurde. Veranstaltungen ohne Mindestabstände und mit Anfassen. Das trifft im Übrigen auch auf eine Vielzahl an Behandler*innen zu. Mich haben immer wieder Emails und Nachrichten von verunsicherten Leser*innen erreicht, die mir berichteten, dass Behandler*innen während der Massage keine Maske trugen und dass auch sie aufgefordert wurden, die Maske abzulegen.

Dass die Politik jetzt erneut die Notbremse ziehen muss, ist für uns alle scheisse, keine Frage. Aber anstatt den ganzen Groll jetzt auf “die da oben” zu lenken, dürfen wir auch selbst mal Verantwortung für diese beschissene Situation übernehmen und uns fragen:

Habe ich mir von einem Solo Selbständigen, der mir einen Gutschein angeboten hat, das Geld zurückzahlen lassen? Habe ich selbst Veranstaltungen gehostet und dabei gegen die SARS-CoV-2-Infektionsschutzverordnung verstoßen? Oder war ich vielleicht Gast auf einer solchen Veranstaltung und habe mich insgeheim darüber gefreut, den ganzen Corona Dreck einfach mal zu vergessen und mich so zu verhalten, als sei alles wieder “normal”?

Die aktuelle Situation resultiert aus der Summe der Entscheidungen, die jede*r Einzelne von uns in den vergangenen Tagen und Wochen getroffen hat.

Auch heute Abend werden wir unser digitales Sound Bath spielen, aber ob wir das den ganzen November über durchziehen? Ich weiss es noch nicht. Denn ich habe das Gefühl, wir alle werden im Moment derart zugeballert mit Online Angeboten, dass es in diesem ganzen Chaos nicht auch noch ein digitales Sound Bath braucht.

Wie seht ihr das?

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Passt auf euch auf und bleibt gesund!

Jenny